Elon Musk und die fliegende Telefonzelle
Gabor Pox
APPLE Books & Amazon & Google Books
Elon Musk lässt eine gelbe Telefonzelle, die ihm in Grünheide im Weg steht, entfernen. Aus Frust schießt er sie anschließend mithilfe einer Falcon-Rakete ins Weltall. Dass die Telefonzelle mit Büchern gefüllt ist, ist ihm dabei egal. Jahrhunderte später fangen Außerirdische von Wega die Lieferung ab. Nach einem kurzen Sprachtraining versuchen sie, aus den Büchern den Untergang des Homo sapiens zu entschlüsseln. Zu dem literarischen Repertoire gehören unter anderem Gerhard Schröders Alaska-Buch, der letzte Weltuntergangsroman von T. C. Boyle, ein Mafia-Buch von Roberto Saviano, die Autobiografie von Gabor Pox, ein Kochbuch von Jamie Oliver, ein versehentlich geschriebenes Buch von Joachim Lottmann sowie die fünfte Biografie von Elon Musk. Sind die Weganer in der Lage, die tragischen Geschehnisse des Planeten Erde zu rekonstruieren? Das Buch entpuppt sich plötzlich als eine spannende, brandaktuelle wissenschaftliche Diskussion über unsere Zukunftschancen.

42*42 sekunden
Selektion
DIE ANKUNFT
»Eine neue Lieferung ist unterwegs. Wie möchten Sie diese entgegennehmen? Bitte geben Sie den Ablageort an.« Diese Mitteilung erschien auf der Anzeigetafel des Forschungslabors. Die beiden Wissenschaftler Rayban und Oakley standen in Sichtweite und nahmen ihre Brillen ab, um die Mitteilung besser lesen zu können. Die zwei erinnerten an Simon und Garfunkel: Der eine war großgewachsen, der andere irgendwie klein geblieben.
»Bei der letzten Sendung habe ich „beim Nachbarn abgeben“ gewählt und das Paket nie in die Hand bekommen«, sagte Oakley. Plötzlich vibrierte das Vibrafon auf dem Tisch. Rayban nahm den Hörer in die Hand und drückte den gelben Knopf. So konnten beide gut hören, was der Chef des Forschungsinstituts sagte.
»Habt ihr die Mitteilung gesehen? Es handelt sich um eine interstellare Lieferung. Angeblich ist es ein Bücherschrank aus der Milchstraße. Am besten lassen wir es zum Wareneingang liefern, denn das Ding ist so groß wie eine Person. Ich meine damit Rayban.«
Oakley setzte seine Brille wieder auf, schaute zu Rayban auf und ließ die letzte Periode des Planeten Wega Revue passieren. Trotz einer rasanten wissenschaftlichen Entwicklung blieb es eine friedliche Welt ohne Gewalt und Umweltkatastrophen. Oder gerade deswegen? Oakley war 42 Jahre alt und endlich hatte die Krankenkasse einer Hormonbehandlung zugestimmt, damit er Raybans Größe erreichen konnte.
»Oh, die Milchstraße!«, sagte Rayban. »Die letzte Lieferung, die wir von dort eingefangen haben, war ein Fahrzeug mit der Armaturenbeschriftung „Don’t panic“, wie mein Vater, Alphateer, es damals erzählt hat.«
»Ja, ich erinnere mich: Es war der Roadster ohne Bedienungsanleitung. Wenn die aktuelle Annahme stimmt, könnten wir jetzt endlich etwas Lesbares bekommen, nämlich Bücher.«
»Bücher! Das suggeriert ebenfalls eine Sendung des blauen Planeten Erde, wie damals.«
»Der Planet Erde … Dort haben Jahrtausende lang die Homo sapiens gelebt. Die sind leider komplett ausgestorben.«
Das Vibrafon vibrierte erneut. Oakley nahm den Hörer ab, hörte zu und sagte anschließend:
»Die Lieferung ist eingetroffen. Am besten gehen wir gleich zum Wareneingang.«
Der Weg dorthin führte durch eine Fertigungshalle und zwei Kontrollstellen. Die beiden Wissenschaftler wurden mittels Chipkontrolle identifiziert, mussten dabei ihre Brillen abnehmen und durch einen Kontrollschrank fahren lassen. Es hat alles gepasst, die Brillen waren sauber. Diese Prüfung war vorgeschrieben. Die Brillen kontrollierten die Gehirne, und manipulierte Brillen hätten falsche Gedanken erlauben können.
Am Wareneingang wurde die Lieferung gerade ausgepackt. Dank der temperatur- und luftfeuchtigkeitskontrollierten Innenhülle schien die Ware gut erhalten zu sein. Die Überprüfung auf Virenbefall und Strahlungsreste fiel negativ aus. Rayban und Oakley näherten sich dem Objekt. Es war ein gelber Schrank, dessen Tür sich öffnen ließ. Der Schrank war zu groß für den Inhalt – es waren ungefähr 42 Bücher darin, die auf dem Boden lagen.
»Hör zu, Rayban, es ist kein richtiger Bücherschrank«, sagte Oakley. »Es ist eine Telefonzelle.«
»Meinst du, es ist eine Vibrafon-Zelle?«
»So etwas Ähnliches. Ich habe eine Reportage von „Blue Planet“ gesehen. Der Homo sapiens von damals hat irgendwann die Entwicklungsstufe erreicht, in der räumlich entfernte Personen mittels Telefongeräte kommunizieren konnten. Diese waren ähnlich wie unsere Vibrafone. Für diese Dinge hat man sogenannte Telefonzellen gebaut, um die Geräte und auch die Nutzer vor Umwelteinflüssen wie Regen und Wind zu schützen und die Gespräche akustisch zu isolieren. Du kannst die Kabelanschlüsse an der Rückwand noch sehen.«
»Ich verstehe. Aber was hat das mit den Büchern zu tun, die drinnen liegen?«
»Das werden wir noch herausfinden«, sagte Oakley und nahm ein Buch in die Hand. Er blätterte es durch.
»Das Buch ist in einem lesbaren Zustand. Die Sprache ist mir jedoch unbekannt. Wir müssen ein Sprachtraining durchlaufen lassen. Eventuell übernimmt die Krankenkasse die Kosten dafür.«
»Ich bin dabei. Nach dem Sprachtraining nimmt jeder von uns ein Buch mit, liest es durch, fasst es anschließend in Kurzform zusammen und interpretiert es. Ich bin sehr gespannt, ob wir dabei Angaben oder zumindest Andeutungen zum Untergang der Spezies Homo sapiens finden werden.«
»Alles klar. Das Sprachtraining findet am späten Nachmittag statt. Heute Abend können wir mit den ersten beiden Büchern anfangen. Ich nehme gleich mit, was ich in der Hand habe. Das Alaska-Buch. Was nimmst du?«
DER ABFLUG
»Seid ihr sicher, dass wir die Fertigungszeit nicht weiter kürzen können? Wenn jemand „Ja“ sagt, kann sofort die Kündigung bekommen«, sagte Elon, lachte und schaute entlang der Fabrikstraße über die Transportwege zwischen Halle 1 und Halle 2.
»Gemeint ist „Ja zur Kürzung“ oder „Ja, ich bin sicher“?«, fragte ein verunsicherter Supervisor, der gleichzeitig unversichert war. Ein Kollege zog ihn sofort nach hinten, damit er nicht erkannt werden kann.
»Ja«, sagte Elon. Der Supervisor flüsterte leise im Hintergrund: »Er hat „Ja“ gesagt. Dann sollte er selbst die Kündigung erhalten…«
Elon stellte fest, dass der Transportweg nicht hundertprozentig gerade war. In der Mitte stand eine gelbe Telefonzelle, weshalb die Transportfahrzeuge eine Kurve fahren mussten.
»Diese Telefonzelle muss weg, dann können wir den Transportweg gerade führen. Dadurch sparen wir 15 Sekunden pro Transport. Bis zum Abend möchte ich hier die neu asphaltierte Straße sehen.«
Die Mitarbeiter – überwiegend Produktionsleiter und Ingenieure – murmelten etwas vor sich hin. Einer sagte jedoch laut:
»Diese Telefonzelle wurde vor kurzem von IG-Metall-Mitgliedern aufgestellt und hat eine symbolische Bedeutung. Als die Gespräche hier in Grünheide abgebrochen wurden und keine Gewerkschaft im Werk erlaubt war, wollte man ein Zeichen setzen und eine direkte Telefon-Hotline zur IG-Metall ermöglichen. Einige Tage nach der Installation hat aber jemand das Telefon abmontiert. Die Mitarbeiter haben dann angefangen, die Telefonzelle mit Büchern zu füllen, wie es in Deutschland üblich ist.« Der Mann blickte in Richtung Elon, doch er war nicht mehr da.
Am Nachmittag wurde die Telefonzelle zur Seite gestellt und die Baufahrzeuge begannen mit dem Asphaltieren. Der Leiter der Nachmittagsschicht lief vorbei und wollte wissen, wo die Telefonzelle jetzt aufgestellt werden soll. Da niemand es wusste, rief er den Chefingenieur an, der meistens „Left Hand Of Elon“ genannt wurde. Die Antwort von LHOE lautete:
»Hör zu, Elon war sehr aufgeregt, sogar frustriert. Er will die Telefonzelle hier nicht mehr sehen. Und auch nicht anderswo. Er hat gerade eine Mitteilung geschickt: Die Telefonzelle soll zur SpaceX-Startanlage in der Vandenberg Space Force Base in Kalifornien gebracht werden. So wie sie ist, mit Inhalt.«
Der Leiter der Nachmittagsschicht überlegte erneut, ob er kündigen soll, entschied sich dann aber doch zu bleiben. Er gab die Instruktionen weiter, und noch am selben Abend verließ die Telefonzelle die Tesla-Fabrik in Grünheide in Richtung Flughafen BER.
T.C. Boyle: Der Letzte macht das Licht aus
Die zwei Wissenschaftler, Rayban und Oakley saßen am Mittagstisch und schauten nach oben zur strahlenden Sonne-42. Es war nicht die einzige Sonne, wie der Name schon andeutete. Es gab keine Wolken und keinen unvorhersehbaren Wind. Die Luftzirkulation entstand durch die konstante Drehung des Planeten Wega. Es gab keinen Regen und die Luftfeuchtigkeit war gerade ausreichend, um die Bewohner des Planeten nicht austrocknen zu lassen. Die Pflanzen fühlten sich wohl. In der Nacht war es etwas kühler und die Luftfeuchtigkeit kondensierte am Boden.
»Als ich das Buch von T. C. Boyle las, spürte ich sofort, dass auf dem blauen Planeten eine große Instabilität herrschte. Sie hatten nur eine Sonne, was auf der Erdkugel zu großen Temperaturunterschieden führte. Die Nord- und Südpole an der Drehachse waren kalt, während die schnelldrehende Mitte heiß war. Das führte zu ständigen Windzirkulationen sowie Strömungen im Wasser. Das Chaos war vorprogrammiert«, begann Rayban seine Buchrezension.
»Wer ist eigentlich der Buchautor?«, fragte Oakley und schob die digitale Speisekarte in die Brille.
»T. C. Boyle war Amerikaner. Er wuchs in schwierigen Verhältnissen auf, da beide Elternteile Alkoholiker waren. Wenn man das Foto des Autors auf der Innenseite des Covers anschaut, könnte man meinen…«
»Bitte keine Beeinflussung“, hob Oakley die Hand. „Wenn Boyle ein Umweltaktivist war, kann sein ruiniertes Aussehen mit seiner Unzufriedenheit zusammenhängen. Was erzählt er im Buch? Der Titel suggeriert, er wäre Elektroingenieur.«
»Lass mich bitte zu Wort kommen. Es ist meine Präsentation«, sagte Rayban und hielt doch eine kurze Pause, damit Oakley die Bestellung losschicken konnte.
»Der Letzte macht das Licht aus. Das sagte man auf der Erde, wenn eine Gruppe von Homo sapiens einen beleuchteten Raum verlassen hatte. Es ging anscheinend ums Energiesparen. In dem Buch von Boyle – in dessen Namen die Abkürzung T.C. für Tom Coraghessan steht – geht es jedoch um das Verlassen des Planeten Erde vor oder nach einer Apokalypse. Dabei kann „Verlassen“ mit „Aussterben“ gleichgesetzt werden. Der Witz an der Sache ist, dass Energiesparen in diesem Fall völlig sinnlos wäre.«
»Was ist eigentlich ein Witz?«, fragte Oakley, obwohl er die Antwort wusste. Er wollte lediglich testen, ob das Zurücksetzen durch die Brille richtig funktionierte.
»Ein Witz ist eine kurze Geschichte, die mit einer unerwarteten Wendung am Ende zum Lachen reizt«, antwortete Rayban. Er hatte heimlich seine Brille um Hilfe gebeten. »Du hast aber gar nicht nach Apokalypse gefragt. Dann weißt du, was das ist. Im Buch geht es um eine schleichende Apokalypse. Nicht so, wie durch einen Meteoriteneinschlag. Die Instabilitäten im Klima führen zu einer Verschlechterung des Lebensumfelds. Nehmen wir zum Beispiel die Temperatur. Der Homo sapiens hatte eine generelle Körpertemperatur von 37,7 Grad Celsius.«
»Es entsprach genau 100 Grad Fahrenheit – die Amerikaner wollten durch eine dreistellige Zahl im Wetterbericht die drohende Gefahr sofort signalisieren…«, fügte Oakley hinzu.
»Richtig. Solange die Außentemperaturen unter der Körpertemperatur liegen, kann der Homo sapiens gut funktionieren. Gegen Kälte gab es Kleidung und Heizung. Oberhalb der Temperaturgrenze gab es jedoch keine ausreichenden Lösungen.«
»Machst du gerade einen wissenschaftlichen Vortrag oder steht das so im Buch?«, fragte Oakley.
»Das Buch erzählt in unabhängigen Episoden, wie die Klimaveränderung das Leben behinderte und schließlich vernichtete. In einem Kapitel wird der Kampf einer Familie in Florida beschrieben, die bei 42 Grad Celsius nur so lange am Leben bleiben kann, wie die Klimaanlage funktioniert. Während eines langen Stromausfalls, der ebenfalls durch Überhitzung verursacht wurde, bot das Wasser im Ozean die einzige Abkühlung. Aber im Wasser kann man nicht schlafen. Und nicht jeder lebte an der Küste.«
»Interessant. Ich dachte, auf dem blauen Planeten gäbe es überall Photovoltaik-Anlagen, die aus Sonne und Erwärmung Profit schlugen und bei Stromausfall Ersatzstrom lieferten«, fügte Oakley hinzu. Inzwischen war die Bestellung angekommen und eine schöne Antipasti-Platte stand auf dem Tisch. Passend zum Thema wurden sonnengetrocknete Tomaten und sonnengeräucherte Makrelen serviert.
»Die Planetenbewohner dachten genauso. Jedoch konnten sich nicht alle solche Anlagen leisten. Außerdem waren die dunklen Solarmodule nicht für solche extremen Temperaturen ausgelegt und gingen nacheinander durch Überhitzung kaputt.«
»42 Grad. Diese Zahl höre ich immer wieder. Ist es eine magische Zahl?«
»Bei uns nicht. In der Literatur des Blauen Planeten wurde diese Zahl jedoch mystifiziert.«
»Hat das etwas mit Religion zu tun?«
»Ausnahmsweise mehr mit Pseudo-Wissenschaft«, antwortete Rayban und pickte sich mit drei Stäbchen elegant eine Makrele heraus.
»Waren diese Geschichten im Buch erfunden oder real? Gab es schon solche Temperaturen, als das Buch geschrieben wurde?«
»Ja, das Buch stammt aus dem Jahr 2035. Die Temperaturerhöhung hatte aber weitere Konsequenzen. Sie führte zu Wasserknappheit und folgenschweren Waldbränden. Wie in einem anderen Kapitel erzählt wird, stand der Gouverneur einer Stadt vor der schwierigen Entscheidung, das restliche Wasser aus dem Stausee zur Brandbekämpfung zu nutzen oder es als Trinkwasser bereitzuhalten. Durch die Hitze benötigte der Homo sapiens immer mehr Trinkwasser.«
»Hör zu, Rayban, meine Brille sagt gerade, dass die Bezeichnung „Homo sapiens“ zu nervig ist. Wir sollten das Wort „Menschen“ benutzen.«
»Alles klar. Die Menschen hatten außerdem ein Problem mit Flora und Fauna. Einige Insekten profitierten von der Erwärmung und gefährliche Mückenarten, die Krankheiten wie Malaria übertrugen, verbreiteten sich rasant. Andere Tierarten wie Bienen sind jedoch ausgestorben, sodass die Bestäubung fehlte, die für ein Drittel aller Nahrungsmittelpflanzen unerlässlich war. Boyle beschreibt die Kämpfe der menschlichen Bienenarbeiter in Japan, die große Hoffnungen in KI-Bienen gesetzt haben. Ein Industriegigant namens „Elon“ hat die Entwicklung von X-Bienen jedoch aus ungeklärten Gründen gestoppt. Eventuell war er zu alt geworden, hatte die Motivation verloren oder hatte sein Flugticket auf den Mars bereits in der Hand.
Oakley schaute auf die halbvolle Antipasti-Platte auf dem Tisch. Eine grüne Fliege näherte sich einem Tomatenstück. Die Brille erkannte diese und durch eine für Weganer nicht hörbare Frequenz wurde die Fliege vertrieben. Der Teller sollte das übernehmen, nicht die Brille, dachte Oakley und überlegte, ein entsprechendes Patent durch die Krankenkasse einzureichen. Rayban bestellte deutsches Bier mit alkoholfreiem Reinheitsgebot und sammelte Kraft für die Weitererzählung. Oakley bestellte eine Limonade mit Eiswürfeln.
»Das Thema ist endlos. Ein weiteres Kapitel behandelt die Folgen der Meeresspiegelanstiegs. Als die Eisberge am Nord- und Südpol geschmolzen waren, stieg der Wasserspiegel um 15 Meter. Für niedrig gelegene Inseln führte das zu einer totalen Vernichtung.« Inzwischen wurden die Getränke serviert.
»Warte mal. Ich bin sicher, dass Eis beim Schmelzen Volumen verliert und den Wasserspiegel nicht erhöhen kann. Schau dir mein Limonadenglas an. Das Glas ist randvoll, und die Eiswürfel ragen zum Teil wie Eisberge darüber hinaus. Glaubst du, dass ich Limonade verliere, wenn das Eis schmilzt?«
»Nein, es ist genauso, wie du sagst. Du brauchst nicht lange zu warten, um es zu beweisen. Verliere lieber die Limonade durch Austrinken. Diese schöne These galt aber nur für den Nordpol der Erde. Dort schwamm das Eis. Am Südpol hingegen gab es Festland. Das Eis saß darauf wie ein Eisbär, rutschte dann ins Wasser und führte zur Erhöhung des Meeresspiegels. Aber zurück zum Nordpol. Das Eis schmolz und das Süßwasser strömte in den Atlantischen Ozean, wodurch die Golfstrom-Strömung stoppte. Europa bekam dadurch statt warmer Strömung eine kalte Dusche.«
»Dann hatten sie zumindest etwas gegen die globale Erwärmung bekommen«, sagte Oakley und schaute auf sein noch unberührtes Cocktailglas. Das Glas war voll, das Eis war geschmolzen und drum herum war alles trocken.
»Es war auf jeden Fall ein Hin und Her, ein Chaos ohne Ende. Besser gesagt, ein Chaos mit Ende. Das Traurige daran ist, dass die Menschen diese Probleme schon ein Jahrhundert früher kommen gesehen haben und etwas dagegen hätten tun können«, sagte Rayban.
»Etwas dagegen tun müssen«, fügte Oakley hinzu. »Die Lebewesen, auch die Menschen, waren laut Darwin darauf programmiert, ums Überleben zu kämpfen. Warum waren sie so lebensmüde und setzten sich nicht für die Zukunft ein? Hatte der Buchautor darauf eine Antwort?«
Die Hauptspeisen wurden serviert. Diese waren vegetarisch. Diese Entscheidung lag an der Brille, die die Werte des Körpers ständig analysierte und die am besten passende Gerichte bestellte. Der Lieblingsgeschmack und eventuelle Allergien des Brillenträgers waren ihr stets bekannt. Die beiden Wissenschaftler legten eine längere Diskussionspause ein, um den Aubergine-Zucchini-Auflauf noch warm verzehren zu können.
»Was war die letzte Frage?«
»Hatte der Buchautor auf die Lebensmüdigkeit der Menschheit eine Antwort?«, antwortete die Brille.
»Ja, er erzählt am Ende des Buches von einer Diskussion zweier Wissenschaftler, die ähnlich wie wir am Nachmittagstisch sitzen und argumentieren. Demnach sind die Menschen falsch konstruiert. Sie waren körperlich immer besser ausgerüstet, jedoch seelisch zurückgeblieben. Anstatt friedlich zusammenzuleben – wie wir Weganer es tun – war deren Lebenseinstellung von „darwinistischen“ Prinzipien dominiert: immer besser zu sein als die anderen. Das führte zu Neid, Eifersucht, Gewalt und Beleidigungen. Letzteres verursachte eine Art Ignoranz. Die Religiösen wollten der Wissenschaft keinen Glauben schenken. Die Kommunisten wollten den Kapitalisten nicht glauben. Die „rechten“ Politiker wollten den „Linken“ nicht glauben. Die sogenannten Grünen haben ihr Image durch übertriebenen Klimaaktivismus, Klebeproteste und Bevormundung verspielt; alle anderen wollten ihren „Theorien“ nicht folgen. Die Politik spielte immer mehr eine untergeordnete Rolle, wenn nicht, mündete es in einer Diktatur, wie in Trumps Amerika. T.C. Boyle sagte 2025, nach drei Monaten der Trump-Präsidentschaft: „Ich wünschte nur, ich hätte den amerikanischen Faschismus nicht jeden Tag direkt vor der Nase. Der Präsident sollte ein Funktionär wie Biden sein und nicht jeden Tag auf der Titelseite stehen. Präsidenten sollten stattdessen hinter den Kulissen das Leben der Menschen verbessern.“«
»Es klingt plausibel. Kurz zusammengefasst: Die Menschheit hätte den Klimawandel stoppen können. Sie war jedoch unfähig oder unwillig, dies zu tun. Natürlich stellt sich die Frage: Was hat den Klimawandel auf der Erde eigentlich ausgelöst?«
»Gute Frage, nächste Frage…«
»War das jetzt ein Witz?«
»Hat der Halbsatz eine unerwartete Wendung genommen? Genauso wenig wie die Erderwärmung von damals. Es gibt jedoch eine Antwort. Die Erde lebte mit einem Treibhauseffekt. Durch eine Hülle in der obersten Atmosphäre konnte die Sonne die Luft aufwärmen und die Hülle hielt diese Wärme fest. Eine solche Hülle, die nach Meteoriteneinschlägen entstand, fehlte übrigens auf dem Mars. Visionäre wie Elon Musk wollten durch nukleare Sprengungen so viel Staub aufwirbeln, dass eine solche Hülle entsteht und der Mars bewohnbar wird. Ob ihnen das gelang, steht wahrscheinlich in einem anderen Buch. Aber zurück zur Erde. In diesem Treibhaus, unterhalb der Erdoberfläche lagen gut vergraben diverse Energieträger, die erst durch den Menschen zum Einsatz kamen. Erdöl, Gas und andere Rohstoffe wurden gefördert und verbrannt, um Fahrzeuge, Heizungen und Kriegsmaschinerie zu betreiben. Dabei wurde übersehen, dass diese die Luft im Treibhaus immer weiter erwärmen. Die Wissenschaftler haben suggeriert, die Erde sei ein geschlossenes System, in dem Energie weder entsteht noch verloren geht. Keine Sorge.«
»Oh, die Wissenschaftler! Diese These war definitiv falsch. Zunächst einmal kommt zusätzliche Sonnenenergie ständig von außen. Dabei muss man sehr auf die Balance achten. Du kannst Sonnenenergie umwandeln, aber keine unbenutzte, vergrabene Energie zusätzlich freisetzen. Es ist, als würde man Geld immer wieder nachdrucken. Das ruiniert nur die Wirtschaft. Die Erwärmung nannte man irgendwann CO2-Ausstoß, um die Sache zu verschleiern, wobei sehr viele Menschen gar nicht verstanden haben, was es bedeutet. CO2? Mineralwasser mit Gas? Es ist gut!«
Der Nachtisch wurde serviert. Eispresso mit Mineralwasser danach. Passend zur Diskussion, mit Gas. Oakley löffelte das Eis aus der Tasse und zog Fazit:
»Als Wissenschaftler muss ich sagen, die Lösung wäre einfach gewesen. Man hätte die überflüssige Energie einfach ins Weltall schießen müssen. Wenn aber der Wille, das Geld oder das wissenschaftliche Denken fehlt, ist jeder dieser Spezies ausgeliefert. Ob Erdbewohner, Marsianer, Weganer oder Rossbies. Amen.«
»Dann sind wir für heute durch. Jetzt können wir zwei weitere Bücher auswählen und sie morgen am Frühstückstisch durchdiskutieren. Tschüss.«
»Ciao.«
…Ihr könnt weiterlesen, wenn das Buch erscheint…
In diesem Buch ist alles (*) erfunden, auch die Bücher bekannter Persönlichkeiten. Deshalb lohnt es sich, alles sehr ernst zu nehmen.
Bemerkung (*): Ausnahmen sind die tatsächlich existierenden und korrekt zitierten Bücher von Gabor Pox. Diese sollte man jedoch nicht ernst nehmen.