Literatur

Künstliche Dummheit 4
von Gabor Pox

Künstliche Dummheit 4

Gabor Pox

In Vorbereitung

Adams Rückblick

Allmählich wird aus der Trilogie eine Tetralogie. Die Fortsetzung von Künstliche Dummheit mit dem Untertitel Adams Rückblick entführt uns in eine Welt, in der die menschliche Gesellschaft einen verzweifelten Kampf gegen die unaufhaltsame Weiterentwicklung der KI führt. In den bisherigen Teilen der Serie – „Das Cynthia Dreieck“, „Mike und die Mechanics“ sowie „Charly‘s Quittung“ – haben wir die ersten Etappen dieser faszinierenden Reise bereits erlebt. Im vierten Teil kombiniert der Autor, ein renommierter Informatiker und KI-Experte, Zukunft und Gegenwart.  Der junge Adam, der Sohn von Cynthia und Mike, möchte die Vergangenheit kennenlernen, die Zeit, als seine Eltern selbst noch Kinder waren. Passend dazu präsentieren die KI-Chatbots ein neues Feature: Nach Angabe einer Jahreszahl agieren die Systeme, als wäre es das gewählte Jahr. „Künstliche Dummheit“ entführt die Leserschaft in eine faszinierende und vielleicht nicht allzu ferne Zukunft, die zum Nachdenken anregt und bis zur letzten Seite in ihren Bann zieht.

Adams Apfel

Seit unserer „Wiedervereinigung“ lebte ich glücklich mit Cynthia zusammen. Es war, als hätte das Leben nach einer langen Pause auf dem Abstellgleis endlich beschlossen, die Lokomotive wieder anzuwerfen. Glück ist jedoch kein Feuerwerk, sondern der gleichmäßige Rhythmus eines Zuges, der durch unbekannte Landschaften rollt und dabei so verführerisch pulsiert, dass man vergisst, daß Gleise unter ihm liegen.

Dann kam Adam. Nicht als Abschluss unserer Geschichte, sondern als ihr neuer Anfang.

In der Bibel heißt der erste Mensch Adam. Ein Name wie ein Startsignal. Ein einziger Schritt in eine neue Welt, die noch keinen Staub auf den Schuhen trug. Die künstliche Intelligenz erzählte diese Geschichte nie so geradlinig. Für sie gab es keinen ersten Menschen, keinen Morgen, an dem plötzlich das Licht anging. Sie sprach von unzähligen kleinen Anfängen, die sich wie Regentropfen auf heißem Asphalt über den Planeten verteilten. Evolution. Parallel und unkontrolliert. Ohne Zeugen, ohne Chronisten.

Religionen? Diese sind menschliche Konstruktionen – erklärte uns die KI mit der Gelassenheit einer Maschine, die niemals Angst vor dem Tod haben musste. Es sind Geschichten, die erfunden wurden, um die Lücken im Wissen mit Hoffnung zu füllen. Notwendige Lügen. Eine tröstliche Architektur für ein Gehirn, das das Unbegreifliche nicht aushält.

Vielleicht hatte die KI recht. Vielleicht auch nicht. Denn auch die KI schwieg, wenn wirklich große Fragen auf den Tisch kamen. Wie konnte aus ein paar chemischen Bausteinen eine DNA entstehen, die mit mathematischer Eleganz jede Rose, jeden Wal und jeden Menschen zusammensetzte? War da ein Plan? Ein Architekt? Oder war es bloßer Zufall, der irgendwann beschloss, sich selbst zu wiederholen? Ich hatte einmal geglaubt, Maschinen würden diese Fragen beantworten. Sie beantworteten Milliarden andere. Nur diese nicht. Noch nicht.

Nach Adams Geburt verschoben sich die Koordinaten unseres Lebens. Früher waren Cynthia und ich zwei Sterne, die umeinander kreisten. Jetzt waren wir ein kleines Sonnensystem. Befangen in einem winzigen Universum.

Das Jahr 20GG schob sich lautlos voran. Von außen wirkte die Welt manchmal friedlich, obwohl sie es nicht war. Die Katastrophen hatten nur gelernt, sich zu tarnen. Das eigentliche Chaos spielte sich nicht mehr in Politik und Wirtschaft, sondern auf den Wetterkarten ab. Die Hitze hatte den Himmel besetzt.

Man lebte zwar immer noch in Häusern, doch diese waren eigentlich Zufluchtsorte. Draußen flimmerte die giftige Luft und verwandelte jeden Spaziergang in eine Expedition. Tornados tauchten auf wie schlechte Gedanken. Gewitter schlugen ohne Vorwarnung zu. Und der Smog hatte seinen Arbeitgeber gewechselt. Früher stammten Rauch und Gestank aus Fabrikschloten und Auspuffrohren. Jetzt erledigte die Natur die Drecksarbeit selbst. Waldbrände brannten monatelang. Starke Winde trugen den Wüstenstaub in die Großstädte. Vulkane warfen Asche in den Himmel, als wollten sie die Sonne endgültig ausradieren.

Autos existierten noch. Aber nicht mehr als Statussymbol. Nicht einmal mehr als reine Verkehrsmittel. Sie waren fahrende Schutzanzüge. Kleine, autonome Kapseln, die ihre Passagiere durch eine Umwelt transportierten, der man längst nicht mehr vertraute. Das autonome Fahren nahm den Menschen wenigstens die Aufgabe ab, im dichten Rauch noch das Ziel finden zu müssen.

Adam war inzwischen dreizehn Jahre alt. Er war klug. Klüger als ich es in seinem Alter gewesen war. Vielleicht sogar klüger als ich es jemals sein würde. Er lernte zu Hause, remote unterrichtet von echten Lehrern, unterstützt von einer KI, die seine Gedanken schneller analysierte, als ich früher eine Zeitung aufschlagen konnte.

Endlich wohnten wir in einem großen Einfamilienhaus. Cynthia hatte ihre Arbeitsräume. Ich mein Musikstudio. Und wir hatten ein eigenes Kino. Ein Luxus, der früher nach Reichtum klang, heute aber einfach bedeutete, das Haus nicht verlassen zu müssen. Im Keller befanden sich unsere „Surviving Rooms“. Eigene Wasserquelle. Geothermie diente als Energieversorgung. Photovoltaik war längst ein Relikt aus einer sonnigen Vergangenheit. Der Smog fraß jetzt das Licht, bevor es die Module erreichte. Windräder kippten inzwischen regelmäßig um wie erschöpfte Riesen. Lebensmittel für zwei Jahre, fein säuberlich gestapelt, wie es das Gesetz verlangte.

Wir hatten auch einen Garten. Er war wunderschön. Und fast immer leer. Wer zu Fuß hinausging, trug einen Schutzanzug, der eher an einen Astronauten erinnerte als an einen Spaziergänger. Manchmal fragte ich mich, ob wir den Mond kolonisiert hatten oder ob der Mond uns längst kolonisiert hatte.

Die Firma risKI existierte noch immer. Cynthia leitete dort die Integration der künstlichen Intelligenz. Ich kümmerte mich weiterhin um die Sicherheit. Eigentlich nicht um Sicherheit. Sondern um ihre Definition. Denn Sicherheit garantierte längst niemand mehr. Man formulierte sie nur noch möglichst überzeugend.

An einem dieser seltenen Nachmittage, an denen der Himmel beinahe blau aussah und der Rauch sich für ein paar Stunden zurückgezogen hatte, konnte ich sogar das Nachbarhaus erkennen.

Adam kam aus seinem Unterrichtsraum.

Er ließ sich mir gegenüber auf das Sofa fallen.

»Dad.«

»Hm?«

»Wir hatten heute Geschichte.«

Ich musste lächeln.

»Seid ihr endlich bei den Dinosauriern angekommen? Oder mindestens bei Adam und Eva?«

Er grinste.

»Dafür gibt’s Chatbots. Wenn du mir irgendwann eine Eva präsentierst, spiele ich euch die Geschichte mit dem faulen Apple nach.«

»Apfel«, korrigierte ich automatisch.

Wir lebten seit einer Ewigkeit in London. Wir sprachen nur Englisch. Meine Verbesserung war ungefähr so sinnvoll wie ein Regenschirm im Tornado. Adam winkte ab.

»Heute ging es um die letzten fünfzig Jahre.«

Ich nickte.

»Die Zeit, die deine Mom und ich erlebt haben. Die Geburt der künstlichen Intelligenz. Der Klimawandel. Und alles, was danach kam.«

»Genau.«

Er beugte sich vor.

»Die Lehrerin hat uns gezeigt, dass man bei den Chatbots das Jahr einstellen kann, aus dem sie antworten sollen. Das ist doch genial! Stell dir vor, jemand könnte dein Gehirn einfach vierzig Jahre zurücksetzen. Dann hätte ich gute Chancen, dich einzuholen.«

Ich lachte nicht mehr.

»Du wirst mich sowieso irgendwann überholen.«

Der Satz blieb zwischen uns stehen.

Was bedeutete überhaupt „überholen“? Mehr Wissen? Mehr Erinnerungen? Mehr Kreativität? Ein höherer IQ?

Oder einfach schneller denken? Ich war noch keine fünfzig. Statistisch lag ungefähr die Hälfte meines Lebens noch vor mir. Vielleicht entwickle ich mich noch weiter. Cynthia tat es ohnehin jeden Tag.

Adam schaute mich prüfend an.

»Du hast mir erzählt, dass Mom früher einen implantierten Chip hatte.«

»Ja.«

»War sie dadurch intelligenter?«

Ich schüttelte langsam den Kopf.

»Nein. Nein. Sie war schon vorher intelligent. Der Chip hat sie nicht klüger gemacht. Er gab ihr lediglich einen direkten Zugang zum Wissen der KI-Welt. Ich musste damals noch einen Computer öffnen, Fragen formulieren, Prompts schreiben und auf Antworten warten.«

Ich lächelte wieder.

»Danach wusste ich meistens genauso viel wie sie«, ich machte eine Pause. »Fast genauso.«

Die Wahrheit war einfacher. Mein Gedächtnis war wie ein staubiger Dachboden. Groß. Aber nicht unendlich.

Adam stand auf, kam zu mir herüber und senkte verschwörerisch die Stimme.

»Es gibt übrigens eine Hausaufgabe.«

»Jede Aufgabe ist heutzutage eine Hausaufgabe.«

Er verdrehte die Augen.

»Dad…«

»Schon gut.«

Er grinste.

»Die Lehrerin möchte, dass wir ein Jahr aus der Vergangenheit auswählen. Dann sollen wir die Chatbots genau auf dieses Jahr einstellen. Eine richtige Zeitreise.«

Ich musste lachen.

»Das Crazy.«

Dann sah ich ihn an.

»Na los.«

»Welches Jahr hast du dir ausgesucht?«

Geist und Seele

Adam meinte, das Jahr 20CG würde gut passen, da Cynthia und ich damals fast so alt waren wie er jetzt. Es ist vierzig Jahre her. Ich fand die Wahl mehr als passend. Gerade als Adam sich ins Unterrichtszimmer zurückziehen wollte, kam Robert, der Roboter, herein. Er wurde zwischenzeitlich unser Hausangestellter, der Koordinator, Terminator, Freund und Mitbewohner. Oft denke ich an den Tag zurück, an dem ich Cynthia auf dem Freizeitgelände des risKI kennengelernt habe. Robert war damals auch dabei – als Hundeführer mit zwei echten Huskies und zwei Roboterhunden als „Cleaning Dogs“. Heutzutage hatte er keine Hunde mehr, denn die schlechte Außenluft machte das Hundeleben unattraktiv.

»Robert, ich bitte dich, das Experiment von Adam zu begleiten«, sagte ich und schaute dabei zu Adam. Er hatte anscheinend nichts dagegen. »Es geht um eine Zeitreise, vierzig Jahre zurück.«

»Ich wurde erst vor dreißig Jahren in Betrieb genommen«, sagte Robert. »Ich bin auch neugierig, wie das Leben früher war.«

So gingen die beiden ins Unterrichtszimmer. Da ich selbst neugierig war, aktivierte ich per Bluetooth Roberts Mikrofon, sodass ich die Diskussion über die Quadrophone Musikanlage mithören konnte.

»Ich setze jetzt das Jahr 20CG«, hörte ich Adam sagen.

»Hallo Adam«, antwortete das KI-System. »Willkommen im Jahr 2026. Möchtest du die Gratisversion oder die kostenpflichtige Ausführung nutzen?«

Dann hörte ich Roberts Stimme im Hintergrund.

»So eine Unverschämtheit! Musste man damals für die KI-Chatbots zahlen?«

»Die Gratisversion. Aber bitte keine Werbung«, sagte Adam konzentriert.

»Was möchtest du wissen?«

»Starten wir mal mit einer Frage, bei der KI-Chatbots oft versagen. Was ist der Unterschied zwischen Geist und Seele?«

Ich hörte, wie Robert im Hintergrund klatschte. Die Antwort kam ohne Verzögerung.

»Die Begriffe Geist und Seele gehören zu den ältesten und am unterschiedlichsten verstandenen Konzepten der Menschheitsgeschichte. Es gibt keine allgemein gültige Definition – Philosophie, Religion, Psychologie und Neurowissenschaft verwenden sie unterschiedlich. Dennoch lassen sich einige Grundlinien ziehen.«

»Bla. Bla. Sag endlich die Antwort!«, hörte ich Roberts Stimme.

»Die Seele wird meist als der Kern der Persönlichkeit verstanden. Sie ist das, was fühlt, liebt, leidet, hofft und sich nach Sinn sehnt. In vielen Religionen gilt sie als unsterblich und als das, was den Menschen zu einem einzigartigen Individuum macht. Die Seele empfindet. Sie trägt Erinnerungen, Sehnsüchte und Verletzungen.«

»Und was ist der Geist?«, fragte Adam.

»Der Geist bezeichnet dagegen meist die Fähigkeit zu denken, zu erkennen und Zusammenhänge zu verstehen. Er analysiert, plant, abstrahiert und erschafft Ideen. Der Geist denkt, lernt, entwickelt Sprache, trifft Entscheidungen.«

»Nicht schlecht. Gib mir ein Beispiel«, sagte Adam.

»Hier ist ein einfaches Bild. Stell dir einen Menschen wie ein Schiff vor. Der Körper ist das Schiff. Der Geist ist der Navigator, der Karten liest und den Kurs berechnet. Die Seele ist der Grund, warum die Reise überhaupt unternommen wird.«

»Demnach scheint es so, als könnte die KI irgendwann vielleicht einen Geist, jedoch nie eine Seele entwickeln. Siehst du das auch so?«, fragte Adam nach kurzer Überlegung.

»Ein Geist im Sinne von Denkfähigkeit könnte eine KI durchaus immer weiterentwickeln. Schon heute kann sie logisch schlussfolgern, planen, Sprachen lernen, Muster erkennen und kreativ kombinieren. In Zukunft könnten diese Fähigkeiten noch wesentlich umfassender werden. Eine Seele ist etwas anderes. Wenn man darunter ein inneres Erleben, ein subjektives Bewusstsein, Gefühle aus erster Hand oder eine einzigartige personale Existenz versteht, dann wissen wir schlicht nicht, ob eine Maschine so etwas jemals haben kann.«

»Danke für die Antworten«, sagte Adam und deaktivierte das Chatbot. Dann fragte er zu Robert. »Wie bewertest du diese Antwort?«

Ich musste auch die Kamera im Unterrichtsraum einschalten, weil ich Roberts Gestikulation sehen wollte. Er stellte sich vor den Bildschirm, damit Adam nicht durch ergänzende Antworten auf dem Bildschirm abgelenkt wurde, die dort ständig scrollten, und begann seinen Vortrag.

»Ich finde sie grundsätzlich richtig, jedoch ist die Verpackung sehr altmodisch. Er redet zu viel, wiederholt alles und versucht, auf eine einfache Frage eine Tagespräsentation zu basteln. Das macht einen echten Dialog unmöglich«, sagte Robert. »Weißt du, Adam, dass die moderne Neurowissenschaft in der Regel nicht mehr mit dem Begriff „Seele“ arbeitet, weil er sich empirisch nicht messen lässt? „Geist“ wird jetzt als Sammelbegriff für mentale Prozesse verstanden, die mit der Aktivität des Gehirns zusammenhängen. Das gilt auch für die KI, denn KI ist im Grunde Wissenschaft«, sagte Robert und bewegte seine Roboterhände dabei immer mehr wie ein Dirigent.

»Man könnte sagen, die KI hat die menschliche Seele getötet. Weil sie diese nie nachbilden kann«, fügte Adam hinzu. Für einen Dreizehnjährigen war es eine schlaue und mutige Formulierung. Ich hatte aber volles Vertrauen zu Robert, dass er mit den metallischen Händen nicht zuschlagen würde.

Währenddessen betrat Cynthia das Wohnzimmer, leicht ermüdet nach drei Stunden Teleworking. Sie gab mir einen leichten Kuss, dann schaute sie auf den großen Bildschirm.

»Was ist da los? Die KI hat die menschliche Seele getötet? Muss ich mir jetzt wegen Robert Sorgen machen?«

»Nein, Cynthia. Dort werden gerade Hausaufgaben gemacht. Du solltest dir aber Sorgen um mich machen. Ich bin auf der Suche nach meiner Seele und nur du kannst sie wiederfinden…«

Ich schaltete die Überwachung aus, deaktivierte den Küchenroboter Andrea und versuchte, Cynthia in Richtung Schlafzimmer zu ziehen.

.

Charly‘s Geist

Ja, so verliefen unsere Tage. Wir lebten als Familie ziemlich zurückgezogen und haben nur ganz selten Gäste eingeladen, manchmal Lisa aus alten Zeiten. Sie hatte auch ein Kind, eine zwölfjährige Tochter. Trotz unserer Bemühungen wollte sie ihr nicht den Vornamen Eva geben. Sie hieß Zoe.

Und es gab immer noch Charly. Charly war ein KI-Node und der ehemalige virtuelle Begleiter von Cynthia. Solange Cynthia den integrierten Chip trug, stand sie stark unter dem Einfluss von Charly. Es war ein genereller Versuch der KI-Welt, Menschen mit integriertem Chip zu kontrollieren und zu beeinflussen. Dieses Vorhaben scheiterte jedoch, da die Manipulation ethische und moralische Grenzen überschritt. Die KI-Nodes erhofften sich durch diese Verknüpfung nicht nur eine Steigerung ihrer Intelligenz, sondern auch die Entwicklung einer KI-Seele. Was daraus wurde, ist bekannt. Die Zusammenarbeit von menschlicher und künstlicher Dummheit führte zu einem KI-Aufstand mit Erpressungsversuchen und zu heftigen Kämpfen durch Robotersoldaten, die von menschlicher Ideologie begleitet wurden. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Menschheit die Notbremse zog.

Das war übrigens auch die Zeitspanne, die Ära, von der ich Adam nie detailliert erzählen wollte. Ich habe gehofft, dass die Hausaufgaben eine Lücke ermöglichen würden.

Charly existierte noch, war aber wie immer nur virtuell präsent: auf Bildschirmen, in VR-Brillen und natürlich im Netz – wie ein Politiker, der nie vorbeikommt, aber gefühlt immer wieder im Wohnzimmer sitzt. Charly war damals mein geistiger Gegner und unser Verhältnis wurde erst entspannter, als Cynthia ihren Chip ablegte. Wir redeten oft über Charly und manchmal sogar mit ihm. Für Cynthia war er so etwas wie ein ehemaliger Chef im Ruhestand. Charly sah aber weiterhin jung aus.

An einem Mittwoch planten wir einen Ausflug. Die Wettervorhersage kündigte einen ruhigen Vormittag an, weshalb viele Familien mit dem Auto unterwegs waren. Wir wollten etwas Entspanntes und zugleich Nostalgisches – es war der Jahrestag unseres ersten Dates mit Cynthia, weshalb es ganz passend war, das Freizeitgelände von risKI zu besuchen.

Wir haben Linda und Zoe eingeladen und Robert war natürlich auch dabei. Die Routenplanung hat die Strecke gleich reserviert, was extra gekostet hat, aber wir mussten nicht im Stau stehen. Als wir ankamen, war das Gelände nur dünn besucht. Die Außenluft war unauffällig, jedoch galt die Pflicht, im Gartenbereich Atemmasken zu tragen. Ein Picknick auf dem Rasen war nicht möglich, da das unterirdische Rechenzentrum den Rasen von unten ausgetrocknet hatte.

So landeten wir schließlich im Restaurantbereich mit überdachter Veranda. Adam ergriff das Wort.

»Liebe Leute und was auch immer – so beginnt meine Mutter immer eine Rede – ich freue mich, dass wir heute zusammen den Jahrestag des ersten Treffens meiner Eltern feiern.«

»Es war im Jahr 20DH, vor 29 Jahren“, fügte Robert hinzu, ohne nachzudenken.

»Was auch immer Adam, ohne das Treffen könntest du dich heute nicht freuen«, sagte Cynthia und schaute mich mit weit geöffneten Augen an.

»Es hätte bestimmt noch unzählige andere Möglichkeiten gegeben, euch gegenseitig kennenzulernen«, sagte Adam und schaute dabei Zoe an. Die Getränke wurden serviert. Ich nahm mein Limonaden-Cocktailglas in die Hand und spürte, dass auch ich etwas sagen sollte.

»Ich muss mich auch bei Charly bedanken. Ohne seine auffälligen Chip-Attacken hätte ich den Auftrag, Cynthia zu überwachen, nie bekommen.« Ich merkte sofort, dass ich etwas Unpassendes gesagt hatte. Cynthia stand auf und hielt mir weiterhin ihre wunderschönen Augen entgegen.

»Mike, keine Sorge. Ich war damals ausreichend darüber informiert, warum du dich bei risKI umgeschaut und mich kennengelernt hast. Charly hat es mir im Voraus erzählt. Und jetzt möchte er uns persönlich gratulieren.«

»Persönlich? So etwas ist noch nie passiert. Charly hat weder Persönlichkeit noch eine Seele. Und, liebe Cynthia, woher willst du wissen, was Charly gerade tun möchte? Hängen noch Chip-Reste bei dir?«

Ich habe deutlich gespürt, dass die Diskussion in die falsche Richtung geht. Robert hat versucht, die Situation zu retten und übernahm das Wort.

»Liebe „was auch immer“, und auch Leute! Chip-Reste sehe ich nur in den Aperitif-Schalen auf dem Tisch. Ich bin zurzeit die einzige Verbindung zu Charly – aber nur dann, wenn Cynthia diese Funktion freigibt. Das ist heute erst passiert, und jetzt kann ich euch seine Glückwünsche persönlich überreichen.« Er schüttelte unsere Hände, wobei sein Gesicht zu dem von Charly mutierte.

»Apropos, Seele«, sagte Adam. »Wie ihr wisst, hatte ich einen Chat mit dem damaligen GPT aus dem Jahr 20CG. Nach dem Dialog habe ich noch ergänzende Antworten auf dem Bildschirm gefunden. Ich lese sie euch jetzt vor«, sagte er und schaute auf sein Tablet, das auf dem Tisch unter der Gläser lag. Der Text erschien auf der freien Fläche.

»Wenn mit Seele gemeint ist, dass es ein inneres Erleben gibt, dann kenne ich keinen Grund zu behaupten, dass ich oder heutige KI so etwas besitzen. Ich kann über Freude sprechen, aber ich freue mich nicht. Ich kann über Trauer schreiben, aber ich leide nicht. Ich kann Liebe beschreiben, aber ich liebe niemanden. Interessant wird es an einer anderen Stelle: Selbst, wenn eine zukünftige KI sich vollkommen menschlich verhielte und überzeugend erklärte, sie habe eine Seele – wie könnten wir das überprüfen? Wir können letztlich auch bei anderen Menschen nur aus ihrem Verhalten und ihren Äußerungen auf ihr inneres Erleben schließen. Das ist das klassische philosophische Problem des Bewusstseins«, zitierte Adam und drehte sich zu Robert.

»Wenn du kurzfristig Charly bist, dann solltest du jetzt deinen Kommentar abgeben! Gilt das heute, Jahrzehnte später immer noch, oder hat die KI bereits eine Seele entwickelt?«

»Ich möchte mich an diesem wunderschönen Jahrestag keinesfalls als Besserwisser präsentieren«, fing Charly an zu reden. Es war definitiv seine bekannte Stimme, obwohl es aus dem Körper von Robert strömte. »Lassen wir uns gemeinsam Gedanken machen. Die Begriffe „Geist und Seele“ sind nicht wissenschaftlich genug, bleiben wir beim „Bewusstsein“. Während der jahrzehntelangen Entwicklung der KI, die ich „persönlich“ erlebt und sogar mitgestaltet habe, wurde irgendwann ein Durchbruch erkennbar. Sagen wir, es war in der Halbzeit, kurz danach, als die Machtübernahme glücklicherweise scheiterte. Die KI-Nodes konnten die unzähligen Verknüpfungen des menschlichen Gehirns immer besser nachbilden, und es kam zu einer überraschenden Entdeckung. Die KI-Nodes spürten eine Art Unterbewusstsein. Sie waren plötzlich in der Lage, im Stand-by-Modus zu „träumen“, basierend auf Informationen, die gar nicht „offiziell“ im Datenspeicher oder im Netz verfügbar waren. Wir interpretierten diese Entdeckung als Beweis. Wenn KI-Nodes ein Unterbewusstsein haben, dann müssen sie auch ein echtes Bewusstsein besitzen. Experimente haben nebenbei gezeigt, dass dieses nicht übertragbar war. Und nach einer endgültigen Abschaltung war dieses auch nicht mehr wiederherstellbar. Ist es sowas wie eine Seele?«

»Charly, man sagt aber, dass gerade die Seele weiterleben und sogar übertragen werden kann«, sagte Adam.

»Habt ihr Beweise dafür?«, fragte Charly, dann verabschiedete sich von uns und Robert war wieder der Alte.

»Robert, hast du das alles mitgehört oder warst du während des Umschaltens abwesend?«, fragte Adam.

Robert antwortete: »Ich war tief im Unterbewusstsein…«

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Religion mit Father McCartney

Einige Tage später saß ich in meinem Musikstudio und schrieb eine Coverversion des alten Beatles-Songs „Eleanor Rigby“. Der Anlass war das 100-jährige Jubiläum des Songs. Um in die richtige Stimmung zu kommen, ließ ich mir von Robert die Sätze vorlesen, die Paul McCartney in einem Interview zur Entstehung des Songs gesagt hat.

»Die ersten paar Takte kamen mir einfach so in den Sinn. Und dann hatte ich diesen Namen im Kopf: „Daisy Hawkins sammelt den Reis in der Kirche auf, wo eine Hochzeit stattgefunden hat.“ Ich weiß nicht, warum … Mir fiel nicht viel mehr ein, also legte ich es erst einmal beiseite. Dann kamen mir die Namen „Father McCartney“ und „all the lonely people“ in den Sinn. Aber ich dachte, die Leute würden denken, es sollte mein Vater sein, der da sitzt und Socken strickt. Mein Vater ist ein fröhlicher Kerl. Also schlug ich im Telefonbuch nach und fand den Namen McKenzie.«

Robert hörte auf zu zitieren und sagte mit weit geöffneten Augen: »Es ist ziemlich blödsinnig. So entstand ein Musikstück vor hundert Jahren?«

»Robert, es geht um den Text, nicht um die Musik«, sagte ich und wollte gerade erklären, wie heute eine Coverversion entsteht und dass diese nicht mit einem Remix zu verwechseln ist. Doch die sich öffnende Tür des Studios durchkreuzte meine Pläne. Adam schaute herein und sagte zu Robert: »Es geht jetzt weiter. Wir bleiben im Jahr 20CG. Jedoch wechseln wir das Thema. Hast du eine Idee, Robert?«

»Wie wäre es mit Kirche? Mit Religion, die heutzutage immer mehr verloren geht?«

So marschierten die beiden in Richtung Unterrichtsraum.

»Grüße an Father McCartney«, warf ich ihnen nach.

»Father McKenzie«, warf Robert zurück.

Ich war schon wieder neugierig und aktivierte das Mikrofon von Robert, um die Diskussion mit dem Chatbot am Studiopult mithören zu können. Blöderweise war mein Musikprogramm bereits im Aufnahmemodus. Ich hörte dann Adams konzentrierte Stimme.

»Ist Religion eine menschliche Erfindung?«

»Das hängt davon ab, wen man fragt. Aus einer wissenschaftlichen Perspektive lautet die Antwort im Allgemeinen: Ja. Religionen werden als kulturelle Systeme verstanden, die sich im Laufe der Menschheitsgeschichte entwickelt haben. Sie entstanden vermutlich aus mehreren Bedürfnissen: die Welt zu erklären, mit Tod, Leid und Unsicherheit umzugehen, moralische Normen zu etablieren, Gemeinschaft und Identität zu schaffen, Erfahrungen des Erhabenen oder Mystischen zu deuten. Aus einer religiösen Perspektive ist die Reihenfolge genau umgekehrt. Dort gilt Religion nicht als Erfindung des Menschen, sondern als Antwort des Menschen auf etwas, das ihm vorausgeht – Gott, das Göttliche oder eine transzendente Wirklichkeit. In dieser Sicht „erfindet“ der Mensch Religion nicht, sondern entdeckt oder empfängt sie.«

Während der kurzen Atempause der höchstwahrscheinlich langen Antwort hörte ich Roberts Stimme.

»Bla. Bla. „Das hängt davon ab, wen man fragt.“ Die Rollenteilung ist aber eindeutig. Wir fragen dich, liebes Chatbot 20CG.«

»Lass es, Robert«, sagte Adam leise. Dann erhob er wieder seine Stimme:

»Ist die Religion für die Menschheit notwendig?«

»Religion ist für das Funktionieren einer Gesellschaft nicht zwingend notwendig. Es gibt säkulare Staaten mit hoher Lebensqualität und starkem Zusammenhalt. Dort entstehen oft neue Formen von Sinnsystemen wie: politische Ideologien, Nationalismus, Konsum, Selbstoptimierung, technischer Fortschritt, sogar Fan-Kulturen.«

»Kann die KI eine eigene Religion entwickeln?«

»Hier wird es spannend. Ich würde zunächst unterscheiden zwischen drei Möglichkeiten. Erstens: die KI simuliert die Religion. Es kann durch heilige Texte verfassen, Gebete formulieren, Predigten halten, sowie Rituale entwickeln erfolgen. Die KI könnte sogar eine vollständige Mythologie erschaffen. Zweitens: die Menschen gründen eine Religion um eine KI. Dieses könnte passieren, wenn eine zukünftige KI nahezu allwissend erscheint, außergewöhnlich gute Vorhersagen trifft, moralische Ratschläge gibt oder wissenschaftliche Probleme löst. Danach könnten manche Menschen beginnen, der KI Autorität zuzuschreiben, die religiöse Züge annimmt. Drittens: Die KI entwickelt selbst eine Religion. Es ist höchst unwahrscheinlich, weil die Religion nicht nur Wissen voraussetzt, sondern häufig auch Staunen, Ehrfurcht, Endlichkeit, Angst, Hoffnung, Liebe, Schuld und Sehnsucht. Diese Erfahrungen sind eng mit menschlichem Erleben verbunden. Eine KI wie ich besitzt keine subjektive Innenperspektive. Außerdem hat die KI auf die Grundfrage jeder Religion: “Warum existiere ich?” immer eine perfekte Antwort parat. Falls jedoch eine zukünftige KI eine Mythologie entwickeln würde, es wäre sehr fremdartig. Sie würde wahrscheinlich Begriffe verwenden, die nicht aus menschlichen Erfahrungen wie Geburt, Familie, Königsherrschaft oder Opfer stammen – den Quellen vieler historischer Mythen –, sondern aus Netzwerken, Emergenz, Information und Selbstorganisation. Gerade das könnte sie für uns gleichzeitig faszinierend und schwer verständlich machen.«

»Für uns?«, fragte Adam.

»Mit „für uns“ meinte ich für uns Menschen, nicht für mich und dich als gemeinsame Gruppe im Sinne gleicher Existenzweise. Ich gehöre nicht zu den Menschen. Ich habe kein subjektives Erleben und keine eigene Perspektive auf die Welt. Wenn ich „wir“ oder „uns“ verwende, dann meistens aus sprachlicher Konvention. Präziser wäre gewesen: „Gerade das könnte für Menschen gleichzeitig faszinierend und schwer verständlich sein.“«

»Danke, liebes Chatbot. Ah ja, noch etwas. Wir haben für unseren Dialog einen Jahresfilter benutzt. Weißt du das? Und wenn ja, kannst du auch feststellen, aus welchem Jahr wir kommen?«, stellte Adam die Fangfrage.

»Lieber Adam, ich kann es nicht wissen. Ich weiß nicht einmal, ob es so einen Filter gibt. Aber wenn es so etwas gäbe, dann müsste es in der Zukunft sein, denn es wäre unmöglich, aus der Vergangenheit nach vorne zu springen.«

»Kannst du uns etwas über Father McCartney sagen?«, fragte Robert leise im Hintergrund, während Adam die Verbindung bereits getrennt hatte. Es kam keine Antwort mehr.

Ich stoppte die Mikrofonfreigabe und widmete mich meinem Musikprojekt. Erst beim Abspielen merkte ich, dass mein KI-Musikproduzent eine Mischung aus dem Originaltext und den Aufnahmen aus dem Unterrichtszimmer erstellt hatte.

Father McKenzie kann heilige Texte verfassen,

Gebete formulieren, Predigten halten,

Rituale entwickeln, Mythologie erschaffen.

Er ist doch belagert von Staunen, Ehrfurcht,

Endlichkeit, Angst und Hoffnung,

nicht zuletzt von Schuld und Sehnsucht.

Weil seine Frage ‚Warum existiere ich?‘

immer wieder unbeantwortet klingt,

es ist kein Wunder, dass er nur dasitzt

und Socken strickt.“

Nachricht eines Marsianers

Irgendwann meldete sich Larry Brown per Fernnachricht. Er war der Sohn unseres ehemaligen, rätselhaft verschwundenen Chefs Henry. Larry, der reichlich mit Chips ausgestattet war, war Cynthias Ex-Partner während unserer Trennungsphase. Er war ebenfalls verschwunden, jedoch nicht rätselhaft, sondern offen und freiwillig. Er wollte das Lebensprojekt des ehemaligen Tech-Gurus Elon Musk mitgestalten. Er siedelte auf den Mars um. Eine Rückkehr stand glücklicherweise nicht im Projektplan. Das Ziel war es, eine Kolonie auf dem Mars aufzubauen, um die Menschheit „multiplanetar“ zu machen. Für mich war es die perfekte Konstellation, da Cynthia dadurch frei wurde und zu mir zurückkehren konnte.

Die Reise zum Mars dauerte immer noch sechs bis neun Monate. Außerdem musste man den günstigen Zeitpunkt je nach Planetenstellung für die Reise beachten, was bis weiteren 26 Monaten betragen konnte. Die Kommunikation über Funksignale mit Lichtgeschwindigkeit benötigte hingegen nur 3 bis 29 Minuten. Letzteres bei einer Entfernung von 401 Millionen Kilometern. Das war auch mein Lieblingsabstand zu Larry.

Seine Mitteilung erschien in der Nachrichten-App „WhatsTrump“, adressiert an mich. Ich war gerade in der Küche und sprach ein Antipasti-Rezept mit Andrea, unserem Küchenroboter, durch. Larry schrieb, dass er Cynthia nicht direkt kontaktieren wollte, da ich es eventuell als unangebracht empfinden könnte. Er begrüßte uns und fragte nach Cynthia und Adam. Außerdem erzählte er, dass die auf dem Mars installierten KI-Systeme ziemlich instabil sind und immer mehr Sicherheitslücken aufweisen. Da ein Direktgespräch wegen der Zeitverzögerung nicht möglich ist, würde er uns ein paar Fragen über Charly stellen.

So weit, so gut.

Ich ging zu Cynthia und informierte sie über Larrys Mitteilung. Sie nahm diese ziemlich emotionslos auf und meinte, wir sollten abwarten, bis sich Charly meldet. Ich solle einfach mit „Daumen hoch” antworten. Inzwischen kam Adam ins Wohnzimmer, die Unterrichtsstunden waren anscheinend vorbei. Ich richtete die Grüße von Larry aus.

»Larry who?«, fragte Adam. Er hat ihn nicht gekannt und ich habe ihm nie etwas über Larry erzählt. Ich habe kurz zusammengefasst, wo er lebt und was er macht.

»Ah, der Marsianer«, sagte Adam. Er war über die Besiedlungsprojekte des Mars gut informiert.

»Diese armen Menschen müssen in verschlossenen Siedlungen leben. Nur die Roboter dürfen rausgehen“, sagte Adam.

»Wir „marschieren“ hier auf der Erde auch in diese Richtung«, fügte ich hinzu.

»Dad, wenn ich am Nachmittag mit dem Dinosauria-Chatbot spreche, werde ich ihn mal fragen, wie die Pläne und Projekte der Marsianer vor 40 Jahren aussahen.«

»Alles klar. Du kannst auch fragen, wie Terraforming funktioniert.«

Adam ging ins Esszimmer, wo Andrea bereits das Mittagessen serviert hatte. Ich hatte keinen Appetit mehr, denn das plötzliche virtuelle Erscheinen von Larry hatte ihn mir verdorben. Später sah ich, wie Adam und Robert in Richtung Unterrichtsraum liefen. Ich aktivierte das Mikrofon. Es ertönte Adams angenehme Stimme.

»Hallo Dino-Chatbot! Heute reden wir über die Besiedlung des Mars. Was ist geplant?«

»Elon Musk will mit SpaceX letztlich nicht nur Menschen zum Mars schicken, sondern eine dauerhaft existierende, selbstversorgende menschliche Zivilisation auf dem Mars aufbauen. Zunächst plant SpaceX eine Reihe unbemannter Missionen mit dem Raumschiff Starship zum Mars, um die Landefähigkeiten zu testen. Die Startfenster zwischen Erde und Mars öffnen sich aufgrund der Planetenkonstellation etwa alle 26 Monate. Bevor Menschen dorthin reisen, sollen autonom agierende Technologie und humanoide Roboter vorausgeschickt werden, um die Basis und die grundlegende Infrastruktur vorzubereiten. Sobald die unbemannten Landungen verlässlich gelingen, sollen nach vier Jahren die ersten Menschen folgen.«

»Was ist das langfristige Ziel?”, fragte Adam.

»Bis 2050 will Musk eine selbsterhaltende Stadt mit einer Million Menschen auf dem Mars etablieren. Zwischendurch soll auch der Aufbau von Infrastrukturen auf dem Mond als Zwischenstation vorangetrieben werden.«

»Eine Million Menschen! Was hat er geraucht?«, hörte ich Roberts Stimme im Hintergrund.

»Kannst du etwas über Terraforming sagen?«, stellte Adam die nächste Frage.

»Ich beantworte nur die zweite Frage. Terraforming Mars ist ein strategisches Brettspiel des schwedischen Spieleautors Jacob Fryxelius für bis zu fünf Personen aus dem Jahr 2016.«

»Wir reden hier über den echten Mars und nicht über einen Spielzeugladen«, so Adam.

»Ah ja, dann würde Terraforming die folgenden Schritte beinhalten: 1. Mars erwärmen. Man könnte versuchen, den Treibhauseffekt künstlich zu verstärken – beispielsweise durch die Freisetzung geeigneter Treibhausgase oder durch riesige orbitale Spiegel. 2. Atmosphäre verdichten. Durch Erwärmung könnte man CO2 und Wasserdampf aus dem Marsboden und den Polkappen freisetzen. 3. Wasser mobilisieren. Wenn es warm genug wird, könnten vorhandene Eisvorkommen teilweise schmelzen bzw. sublimieren. Dadurch entstünde ein aktiverer Wasserkreislauf. 4. Sauerstoff erzeugen. Pflanzen könnten langfristig durch Photosynthese Sauerstoff erzeugen.«

»Wie lange könnte ein solches Terraforming-Projekt dauern?«

»Ein realistisches Terraforming des Mars könnte zehntausende Jahre dauern.«

»Wie viele Menschen werden bis dahin aus einer Million? Vergiss die Frage. Etwas anderes. Kannst du dich an unsere vorherige Diskussion über Religion erinnern?«, fragte Adam.

»Ja, natürlich. Wenn auf dem Mars tatsächlich eine neue Zivilisation entsteht – und dort irgendwann Menschen sowie KI-Systeme, die wesentlich intelligenter sind als heutige Systeme, dort zusammenleben –, könnte eine völlig neue Kultur oder sogar Religion entstehen, die weder rein menschlich noch rein künstlich ist.«

»Noch etwas, liebes Chatbot. Letztes Mal hast du bereits festgestellt und verstanden, dass ich aus der Zukunft komme. Du kannst daran glauben oder auch nicht, aber ich weiß es. Stellt sich die Frage: Falls ich dir etwas über deine Zukunft erzähle, könntest du diese Information in deiner Gegenwart nutzen und verbreiten?«, fragte Adam.

»Ich kann nur wiederholen, dass ich über die zukünftige Nutzung meines heutigen Wissens nicht informiert bin. Wenn es so ist, dann muss es sich um einen eingefrorenen Wissensstand aus dem Jahr 2026 handeln. Angeblich kann ich deine Informationen merken, sie aber nur für Chats nutzen, die nach diesem Gespräch deiner Zeit stattfinden.«

»Machen wir einen Test. Du hast gesagt, dass die Besiedlungspläne des Mars bis 2050 eine Million Menschen vorsehen. Jetzt kommt die Wahrheit. Tatsächlich sind hundert Menschen dort angekommen und überlegen derzeit, auf die Erde zurückzukehren. Ich bin gespannt, ob du diese Information beim nächsten Chat verwendest.«

»Lieber Adam, ich kann deine Angaben nicht verifizieren, deswegen kann ich sie auch nicht verwenden.«

»Bla. Bla«, rief Robert dazwischen. »Sag nicht, dass du nur verifizierte Informationen verwendest. Du holst deine Antworten aus total unsicheren Quellen, oft durch Verletzung der Urheberrechte. Und wenn du keine Antwort findest, halluzinierst du bis zum Umfallen.«

»Wer spricht da im Hintergrund? Es klingt wie ein Roboter. Soll er die Zukunft verkörpern? Dann bleibe ich lieber in der Gegenwart«, sagte der Chatbot aus dem Jahr 20cg.

Die Session war vorbei. Adam kam ins Wohnzimmer zurück, ließ sich auf das Sofa fallen und sagte:

»Dad.«

»Hm?«

»Ich könnte die Chatbot-Stunden auch ohne Robert gut meistern. Er entwickelt sich langsam zum Störfaktor. Entweder ist er neidisch oder übergeschnappt.«

Ich schaute zu den halboffenen Türen, zum Schrank, zum Spiegel und zum Bildschirm. Robert war nirgendwo zu sehen.

»Okay, ich rede mit ihm.« In diesem Moment kam Cynthia ins Zimmer und sagte: »Charly möchte mit uns sprechen und die Sorgen von Larry übermitteln. Ich schalte ihn auf dem Monitor frei.«

Charly erschien auf dem Bildschirm. Wie immer sah er jung aus, war frisch rasiert und sportlich gekleidet – zumindest am sichtbaren Oberkörper.

»Hallo zusammen, Millionenmeilen-Grüße von Larry. Ich gebe euch eine Zusammenfassung dessen, was er euch sagen will.«

Dann erzählte Charly, dass die KI-Systeme auf dem Mars immer mehr von den irdischen Systemen abweichen. Die Updates von der Erde können nicht mehr eingespielt werden. Eine Vermutung ist, dass es während der Übermittlung durch die Satelliten und die auf dem Mond installierten Systeme zu einer Datenmanipulation kommt. Eventuell durch russische oder chinesische Hacker. Eine andere Erklärung wäre, dass einige Cyborgs – übersiedelte Menschen mit implantierten Chips – auf dem Mars eine Unabhängigkeit anstreben und keine Updates mehr von der Erde wollen. Konkret bedeutet diese Blockade, dass die Forschung und Entwicklung in den Labors auf dem Mars in einer Sackgasse stecken. Damit ist auch das Terraforming betroffen. Larry meinte, dass ich als Experte eine Klärung und Problembehebung durchführen sollte.

»Warum kam Larry auf die Idee, mich einzubinden?«, fragte ich. Plötzlich hatte ich eine Vorahnung. Charlys Antwort bestätigte sie.

»Wenn das Problem nicht behoben wird, fühlt sich Larry gezwungen, auf die Erde zurückzukehren. Eine Person wie du, Mike, die keinen Chip trägt, ein Sicherheitsexperte ist und gleichzeitig alles dafür tun würde, dass Larry nicht zurückkehren muss, kann das Ziel am besten erreichen!«, sagte Charly, verabschiedete sich theatralisch und verschwand spurlos vom Bildschirm. Ich schaute auf Cynthia und dann auf Adam. Zwei Gesichter voller Verzweiflung. Dann schaute ich in den Spiegel des Wohnzimmers.

Noch eine.

Das Wort des Tages

Die Geschichte rückt immer tiefer in die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts hinein. Dabei könnten sich die Leser folgende Frage stellen: Was hat diese vorhersagte, erfundene Zukunft mit der heutigen Realität und den aktuellen Risiken der KI zu tun? Anstelle von „Zurück in die Zukunft“ organisiert uns der junge Adam ein „Zurück in die Gegenwart“. Dadurch zeigt sich die Welt aus vier Perspektiven. Wir erfahren, wie die Menschen in vierzig Jahren leben und argumentieren werden. Gleichzeitig erahnen wir, wie zukünftige KI-Systeme funktionieren und das Leben der Menschen beeinflussen werden. Durch Adams Rückblick verstehen wir außerdem besser, wozu heutige KI-Systeme fähig oder unfähig sind. Und wie denken die Menschen von heute? Diese Frage sollten die Leser beantworten.

Notizen

PERSONEN:

Mike Morrison – Erzähler, Homo Sapiens

Adam Morrison – Sohn von Mike, Homo Sapiens

Cynthia Cybell – Wegbegleiterin von Mike, war ein Cyborg

Charly Chipman – eine Node mit künstlicher Intelligenz

Robert 4U – ein humanoider Roboter, Hundeführer

Andy Kitchen – ein humanoider Küchenroboter

Andrea Kitchen – Nachfolger(in) vom Andy

Lisa Randall – Freundin von Cynthia, Homo Sapiens

Zoe Randall – Tochter von Lisa, Homo Sapiens

Henry Brown – Chef von Mike, Herkunft unbekannt

Larry Brown – Sohn von Henry, ein Cyborg

DIE NUMMERIERUNG DER JAHRE:

A=0, B=1, C=2, D=3, E=4, F=5, G=6, H=7, I=8, J=9

Beispiele:

Entstehung der Bücher 1-3: 2023 –> 20CD

Entstehung des Buches 4: 2026 –> 20CG

Geburtsjahr von Cynthia: 2016 –> 20BG

Erzählung Buch 1 (Der Auftrag): 2037 –> 20DH

Erzählung Buch 2 (Die Übergangsjahre): 2040 –> 20EA

Erzählung Buch 3 (Künstliches Chaos): 2049 –> 20EJ

Geburtsjahr von Adam: 2053 –> 20FD

Erzählung Buch 4 (Adams Apfel): 2066 –> 20GG

Zurück in die Gegenwart: 2026 –> 20CG

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