Literatur
Mein großes Kino
von Gabor Pox
Mein großes Kino
Gabor Pox
in Vorbereitung
„Zwanzig Tage, die mich bewegten“
Der Autor Gabor Pox, der immer Künstler werden wollte und dann Techniker wurde, überrascht uns mit einer ungewöhnlichen Autobiographie. Er erzählt zwanzig ausgewählte Tage seines Lebens rückwärts, von heute bis zu seiner Geburt. Seine große Leidenschaft gilt dem Kino. In jedem Kapitel wird ein passender Kultfilm in die Erzählung eingebaut, was dem Buch ein echtes Kinofeeling verleiht. Die großen Fragen des Lebens, was ist Zufall, was Schicksal, was ist schon geschrieben, verlieren sich in dieser Rückwärtsbewegung. Der Leser nimmt Platz im Kinosaal, in dem der Film „Memento“ läuft. Die Zukunft verschwindet in einer Art Amnesie, weil alles in der Vergangenheit aufgeht. Ist es möglich, am Ende der Geschichte etwas zu verändern, damit der Künstlertraum doch noch wahr wird? Eine spannende Reise, bei der nichts erfunden ist. Das Leben schreibt die besten Geschichten.

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hundertvierzig sekunden
Selektion
Sie ist wieder da und meine Konzentration beginnt erneut zu kippen. Wie ein Reissack in China, der zuerst umfällt und etwas von seinem Inhalt verliert. Dann versucht jemand, die Reiskörner wieder einzufüllen, ohne auf Hygiene zu achten. Dann kommt ein anderer, nimmt den Reissack, prüft, ob der neue Knoten hält und hebt ihn vorsichtig auf die Schulter. Dabei verliert er ein wenig das Gleichgewicht, gerät ins Stolpern, macht notgedrungen ein paar Schritte in Richtung Hafenkante, es könnte von weitem wie ein Tanz aussehen, vielleicht ein Tango, vielleicht ein Yangee. Dann bleibt er stehen, stellt den Reissack neben ein Ölfass und holt tief Luft. Der Sack steht immer noch am Kai, gefüllt wie zuvor, aber er ist nicht mehr an der gleichen Stelle. Wie meine Konzentration.
Ich beobachte sie schon seit Tagen, aber heute ist es etwas Besonderes. Die Kombination mit dem Licht, das jetzt so sanft einfällt, dass ihre Figur, ihr Schatten, ihre ganze Erscheinung sehr weich wirkt. Sie hebt ein Bein und die Schatten folgen dieser Bewegung mit einer leichten Verzögerung. Ich frage mich, ob das mit Lichtgeschwindigkeit zu tun hat oder meine Augen trügen. Oder mein Gehirn, das weiß, dass sie schöne Beine hat, und diese fesseln meine Konzentration mehr als deren Schatten, die für mich nicht so wichtig sind. Was ist mir eigentlich wichtig? Ja, ich liebe den Augenblick. Es ist mir immer das Wichtigste, was jetzt, genau jetzt, passiert und es erfordert immer meine volle Konzentration. Ich will alles sehen, hören, fühlen, verstehen. Das heißt aber nicht, dass ich das Erlebte sofort wieder vergesse. Nein, ich habe sie meist noch lange in meinem Gehirn, das als mein Stellvertreter Prioritäten setzt und Unwichtiges in einen Bereich verschiebt, wo es meine Erinnerungen nicht mehr belastet. „Mein Stellvertreter“ – das klingt natürlich blöd, mein Körper bin ich selbst. Aber irgendwie stimmt es schon, wenn ich zum Beispiel träume, dann kommt nicht alles direkt von mir. Oder doch?
Jetzt ist es ganz still. Ich kenne das. Auch sie beginnt jetzt etwas zu beobachten. Sie schaut mein MacBook an, auf dessen Bildschirm ein Dokument wartet. Worauf? Da stehen ein paar Sätze, die ich heute geschrieben habe. Ich will das Kapitel weiterschreiben. Ihr Blick bringt mich zu meiner Aufgabe zurück. Aber das stimmt nicht. Es ist nicht meine Aufgabe, ein Buch zu schreiben. Niemand hat mich darum gebeten, nicht einmal ich selbst. Ich habe einfach Lust zu schreiben. Anders ausgedrückt: Wenn ich keine Lust habe, schreibe ich nicht. Was später mit meinem Buch passiert, ist mir egal. Heutzutage kann man sowieso keinen Erfolg generieren. Es geht nicht darum, wie gut man schreibt und worüber man schreibt, sondern nur um Marketing und Bekanntheit. Ein guter Influencer verkauft hunderttausend Exemplare von irgendeinem Mist, und gute Autoren bleiben oft unbekannt. Aber ich liebe den Prozess an sich, wie ein Buch entsteht. Wenn ich vor zweihundert Jahren gelebt hätte und nur ein Blatt Papier, einen Bleistift und etwas, das man heute Radiergummi nennt, gehabt hätte, dann hätte ich das Blatt vollgeschrieben, dann alles ausradiert und neu angefangen. Heute habe ich ein iPad, ein MacBook, Dutzende von Terrabytes Speicherkapazität in Reichweite. Löschen ist nicht mehr nötig. Aber jetzt habe ich die Löschtaste im Visier. Ich drücke sie und halte sie gedrückt. Die Sätze verschwinden vom Bildschirm, aber nicht auf einmal, sondern Wort für Wort, in einer Geschwindigkeit, der man mit den Augen gerade noch folgen kann.
Ich verfolge das Verschwinden der Worte rückwärts. Tut sie das auch? Ich schaue kurz auf die Seite. Sie ist noch da, die Augen auf den Bildschirm gerichtet. Ist sie aufgeregt, weil ich jetzt lösche, was ich vorher geschrieben habe? Diese Rückwärtsbewegung, das Verschwinden der Wörter und Sätze, bestätigt oder verstärkt die Idee, mein Leben rückwärts zu erzählen. Das ist gut für das Schreiben. Immer kleinere Schritte zurück in die Vergangenheit, darauf kann ich mich besser vorbereiten. Ich könnte nicht sofort mit meiner Geburt anfangen. Aber wie ist es beim Lesen? Das finde ich spannend, weil man beim Rückwärtslesen viel weniger vermuten kann als beim Vorwärtslesen. Ich habe ein Beispiel in meinem Kopf, genauer gesagt in meinem Gehirn. Wenn ich irgendwo im Buch erzähle, dass ich Millionen an der Börse gewonnen habe, könnte der Leser annehmen, dass ich danach ein reiches Leben führe. Wenn ich aber erzähle, dass ich gerade Millionen ausgegeben habe, hat man keine Ahnung, ob ich vorher ein reiches Leben hatte.
Ich schaue sie wieder an. Man kann ihren Augenbewegungen nicht folgen, wie hinter einer Sonnenbrille bleibt alles verborgen. Sie hebt ein Bein, ein kurzes Rütteln. Dann sind wieder alle Beine auf dem Tisch und die Flügel setzen sich in Bewegung. Sie fliegt zum Fenster und landet auf dem Fensterbrett. Sie hat gemerkt, dass der Bildschirm wieder leer ist, es gibt nicht viel zu sehen. Ich bin sicher, wenn ich wieder schreibe, wird sie zum Schreibtisch zurückkehren. Hat sie eine Erinnerung? Ein Memento? Ich denke an Christopher Nolans Film Memento. Der Protagonist verliert durch einen Unfall sein Kurzzeitgedächtnis. Damit der Zuschauer wie der Protagonist das Gefühl der Amnesie erleben kann, laufen die Szenen chronologisch rückwärts ab. Wie die Kapitel meines Buches. Das Wort Memento bedeutet nebenbei nicht nur Erinnerung, sondern auch böses Omen.
Ist diese Fliege, die ich seit Tagen beobachte, ein Warnzeichen? Das glaube ich nicht. Die Fakten: sie lenkt mich ab und ich verliere immer wieder die Konzentration auf mein Buch. Wer ist daran schuld? Die Fliege sieht so unschuldig aus, schuldig kann nur ich sein. Ich suche Ablenkung, das ist die Wahrheit. Aber eine Fliege ist keine Entschuldigung dafür, dass ich so langsam vorwärtskomme (sollte hier nicht das Wort rückwärts stehen?). Und warum rede ich über Schuld? Ich liebe die Gegenwart, wie ich schon sagte. Diese süße Fliege verkörpert für mich den Augenblick. Ich schaue kurz auf mein MacBook. Die Worte, die dort entstehen sollen, müssen und werden, sind die Zukunft. Die Gedanken, die ich brauche, um sie zu schreiben, sind die Vergangenheit. Irgendwie passt beides nicht zusammen. Ist es da ein Wunder, dass ich mich auf die Gegenwart konzentriere?
Diese Fliege beobachte ich schon lange in meinem Arbeitszimmer. Ich bin sicher, sie fühlt sich wohl und hat keine Angst, dass ich die Fliegenklatsche zücke. Sie beobachtet mich, meine Schreibversuche, und im Gegenzug beobachte ich sie. Vielleicht ist sie enttäuscht, dass ich so wenig schreibe. Sie will etwas auf dem Bildschirm sehen. Lesen kann sie sicher nicht, aber die Buchstaben, die nacheinander erscheinen (sollten), sind in Form und Farbe wie Fliegen, die sich aneinanderreihen. Versuchen wir es. Ich wende mich dem Schreibprogramm zu und wähle eine Schriftart, bei der die Buchstaben wirklich sehr ähnlich wie Fliegen aussehen. Ich tippe ein paar Wörter, deren Bedeutung ist jetzt unwichtig. Und sonst?
Sie bemerkt es und fliegt zurück zum Schreibtisch. Ein Auge ist auf den Text gerichtet und ich bemerke eine gewisse Unruhe in ihrem Verhalten. Einige Beine zittern. Sind die neuen Buchstaben so aufregend? Eines der beiden Facettenaugen, die jeweils aus Tausenden von sechseckigen Einzelaugen bestehen, bleibt am Bildschirm hängen. Ich spiele mit dem Gedanken, dass meine Fliege, wenn ich tausende von Buchstaben schreiben würde, mit jedem Einzelauge einen Buchstaben erfassen könnte. Dann stellt sich das Problem der Sortierung. Aber das ist egal, eine Fliege kann die Wörter sowieso nicht verstehen. Ich lösche den Text wieder. Im Buch von Elena Ferrante sagt Lila zu Lenù, am Computer sitzend: „Das geht so nicht weiter – die Elektronik wirkt so sauber, und dabei macht sie Dreck, sehr viel Dreck, und sie zwingt dich, überall was von dir zu hinterlassen, als würdest du ständig einkacken und einpinkeln. Aber ich will nichts von mir hinterlassen, meine Lieblingstaste ist die Löschtaste.“
Sie stellt fest, dass einige Dutzend Fliegenbuchstaben verschwunden sind. Ist sie jetzt enttäuscht? Sie bleibt an ihrem Platz. Ich öffne die Tischschublade und suche meine Lupe. Wie Inspektor Pox hebe ich die Lupe hoch und sehe mir die Fliege etwas genauer an. Sie hat Haare an allen sechs Beinen und die beiden Flügel sind durchsichtig, mit feinen dunklen Linien durchzogen, wie ein Mosaikfenster. Auch zwischen den Augen hat sie Haare, die wie ein Schnurrbart aussehen. Die Facettenaugen sehen sehr interessant aus, man könnte sie mit der Pixel-Vergrößerung eines OLED-Bildschirms vergleichen. Ich drehe meine Lupe zum MacBook und versuche, ähnliche Details auf dem Bildschirm zu erkennen. Anscheinend war meine Bewegung zu schnell. Die Fliege hebt ab, dreht sich im Kreis und landet auf der Fensterscheibe. Fliegen sind in der Lage, auch auf glatten Oberflächen festen Halt zu finden. Dazu nutzen sie so genannte Van-der-Waals-Kräfte, also Anziehungskräfte zwischen den Molekülen der Oberfläche und denen ihrer Beine.
Ich bin fasziniert von der Vorstellung, dass Facettenaugen Tausende von Buchstaben durch Einzelaugen erfassen können. Ich fange an, den Bildschirm mit Inhalt zu füllen. Aber jetzt mache ich es richtig. Der Text soll wiederverwendbar sein, einmal als Augentest und dann als Buchkapitel. Es scheint zu funktionieren. Nach einem Absatz ist die Fliege wieder da, setzt sich in die erste Reihe und beobachtet meine Aktivität, die langsam von Verzweiflung in Motivation umschlägt. Ich spüre es, wenn ich schnell genug schreibe, kann ich die Worte (Zukunft) und meine Gedanken (Vergangenheit) so zusammenbringen, dass die Summe genau die Gegenwart ergibt. Und ich habe ein Publikum. Einen Motivator. Einen Kontrolleur.
Der Reissack wird wieder in die Hand genommen. Eine junge Chinesin kommt mit einem Lastenfahrrad. Der Mann, der vorhin mit dem Sack Yangee getanzt hat, ist in der Nähe und kommt zur Hilfe. Er holt tief Luft und hebt den Reissack auf das Lastenrad. Die Frau bedankt sich und fährt die Hafenstraße entlang, der Hausnummerierung entgegen. Rückwärts, sozusagen. Wie meine Gedanken.
Dir Fliege beobachtet meinen Fortschritt und ich bin sicher, wenn sie Hände hätte, würde sie jetzt klatschen. Sie zuckt zusammen. Kann sie Gedanken lesen? Hat das Wort „klatschen“ eine falsche Assoziation ausgelöst? Keine Sorge. Jedoch, eine Fliege lebt nur ein paar Wochen, habe ich gelernt. Dann muss ich mich beeilen!
Experten sagen, dass der erste Satz eines Buches perfekt sein muss, es gibt Autoren wie Joachim Lottmann, die wochenlang daran basteln. Ich habe diese Chance schon verpasst, aber ich habe ihn meiner Fliege gewidmet. Dann fällt mir plötzlich ein, dass es bei einem „Rückwärtsbuch“ eigentlich auf den letzten Satz des Buches ankommt. Schnell gehe ich im Buchdokument zum letzten Kapitel, das als Platzhalter bereits vorhanden, jedoch noch leer ist, und tippe dort ein: „Der Dicke, er sieht aus wie Gulliver in Liliput“.
Jahr des Kapitels: 2025
Ort: Geltendorf, Deutschland
Buchempfehlung zum Kapitel: Lika Rado: Die Fliege in mir
Filmempfehlung zum Kapitel: Christopher Nolan: Memento
Zwanzig Tage, die die Welt bewegten? Keines Falls. Diese zwanzig Tage bewegten mich – und ich schlage jetzt zurück. Ich bewege jetzt diese zwanzig Tage. Rückwärts!
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